Faszien: Alles, was Du über das Bindegewebe wissen solltest
Faszien wurden lange Zeit lediglich als "Verpackungsmaterial" für die Muskulatur betrachtet und in ihrer Bedeutung für den menschlichen Körper unterschätzt. Aufgrund zahlreicher und intensiver Forschungen in diesem Gebiet, insbesondere in den letzten Jahren, ist mittlerweile bekannt, dass sie ein äußerst sensibles Sinnesorgan darstellen und eine zentrale Rolle für unsere Körperwahrnehmung und -mechanik spielen.
Doch was genau verbirgt sich eigentlich hinter dem Begriff Faszien? Wie ist dieses weitverzweigte Netzwerk im Körper aufgebaut, welche Aufgaben übernimmt es im Alltag und warum hat sein Zustand so großen Einfluss darauf, wie beweglich, leistungsfähig und schmerzfrei wir uns fühlen? Um das besser zu verstehen, lohnt es sich, zunächst einen genauen Blick auf die Definition und Funktion der Faszien zu werfen.
Was sind Faszien?
Der Begriff Faszien leitet sich vom lateinischen Wort „fascia“ ab, was so viel wie Band, Binde oder Bandage bedeutet, und bezeichnet ein netzartiges Bindegewebe, das sich durch den gesamten Körper zieht. Mit einem durchschnittlichen Gewicht von 18 bis 23 Kilogramm machen die Faszien einen signifikanten Anteil der menschlichen Körpermasse aus und sind damit ein wichtiger Bestandteil des muskuloskelettalen Systems.
Die Aufgabe von Faszien besteht darin, als eine Art innere Schutz- und Stützstruktur zu fungieren, indem es Muskeln, Organe, Knochen und Nerven umhüllt, verbindet und stabilisiert. Ihre Zusammensetzung aus Kollagen-, Elastin- und Wasserfasern gewährleistet dabei Elastizität, Gleitfähigkeit und Kraftübertragung. Gerät dieses Faszien-Bindegewebe durch Faktoren wie Bewegungsmangel, einseitige Belastung oder anhaltenden Stress aus dem Gleichgewicht, können Verdickungen, Verhärtungen und Verklebungen entstehen. Diese Veränderungen reduzieren die Gleitfähigkeit der Gewebeschichten und äußern sich oft in Schmerzen oder eingeschränkter Beweglichkeit.
Das dreischichtiges Faszienmodell: So sind Faszien im Körper aufgebaut
Basierend auf den Publikationen von Schleip et al. (2014) und Stecco (2016) wird das Fasziengewebe im Wesentlichen in drei unterschiedliche Schichten unterteilt:
Oberflächliche Faszien
Oberflächliche Faszien liegen direkt unter der Haut im sogenannten Unterhautgewebe und umhüllen Rumpf und Extremitäten. Sie sind wichtig für die Speicherung von Flüssigkeit und Fett, die Hautelastizität und die Temperaturregulation.
Tiefe Faszien
Tiefe Faszien umgeben Muskeln, Muskelgruppen, Sehnen und Bänder. Sie finden sich unter anderem in Armen, Beinen, Bauch, Brust, Schultern und im Schädelbereich. Ihre Hauptaufgabe ist die Kraftübertragung, die Unterstützung der Körperhaltung sowie die Koordination von Bewegungen.
Viszerale Faszien
Viszerale Faszien umhüllen die inneren Organe wie Gehirn, Herz, Lunge und füllen Hohlräume im Körper auf. Bekannte viszerale Faszien sind zum Beispiel das Brust- und Bauchfell, die Hirnhäute oder der Herzbeutel.
Ursachen und Symptome verklebter Faszien
Die Verklebung der Faszien ist meist ein schleichender Prozess, der durch verschiedene Faktoren begünstigt wird:
- Bewegungsmangel oder langes Sitzen
- Einseitige Belastungen im Alltag oder beim Sport
- Anhaltender Stress und ständige Anspannung
- Mangelnde Regeneration
- Flüssigkeitsmangel
Bleibt das Fasziengewebe über längere Zeit unbewegt, verliert es seine Elastizität, die Fasern „verfilzen“ und gleiten schlechter aneinander vorbei. Dies kann zu Druck auf umliegende Strukturen führen und Faszien-Schmerzen verursachen.
Wie machen sich Faszien-Schmerzen bemerkbar?
Faszien-Schmerzen sind oft diffus und schwer zu lokalisieren. Typische Anzeichen sind:
- Bewegungseinschränkungen
- Muskelverspannungen
- Druckempfindliche Verhärtungen (Triggerpunkte)
- Ziehende oder brennende Schmerzen entlang bestimmter Körperbahnen
Wo treten Faszien-Schmerzen am häufigsten auf?
Besonders häufig treten Faszien-Schmerzen im Rücken-, Nacken- und Schulter-Bereich auf – meist in Zusammenhang mit sitzenden Tätigkeiten. Sie können jedoch auch in Beinen, Armen, Füßen oder Händen als Folge von monotonen Bewegungen oder Fehlhaltungen entstehen.
Faszien aktiv pflegen: 3 Tipps zum Lösen von Faszienverklebungen
Um Schmerzen und verklebte Faszien zu verhindern, können verschiedene präventive Maßnahmen unternehmen:
Faszientraining
Regelmäßiges Faszientraining ist eine der effektivsten Methoden, um das Bindegewebe gesund und geschmeidig zu erhalten. Der Schlüssel liegt in der Aktivierung der Fibroblasten durch die Bewegung. Fibroblasten sind Zellen, die für die Erneuerung alter, verhärteter Faszienstrukturen zuständig sind und diese durch elastisches Gewebe ersetzen.
Besonders vorteilhaft sind daher langkettige Dehnungen, da sie mehrere Muskel- und Faszienketten gleichzeitig ansprechen. Dazu gehören gezielte Dehnübungen für Waden, Oberschenkel, Gesäß, unterer Rücken, Beine und Fußsohlen.
Zur Unterstützung dieser Tiefenarbeit können Faszienrollen oder Faszienbälle hinzugezogen werden. Sie ermöglichen eine präzise Selbstmassage, lösen Verklebungen, stimulieren die Durchblutung und fördern die Regeneration der Zellen in der jeweiligen Körperregion. Schon kurze, tägliche Einheiten können dabei helfen, Verspannungen zu reduzieren, die Beweglichkeit signifikant zu steigern und das Körpergefühl spürbar zu verbessern.
Faszienmassage
Faszienmassagen fördern gezielt die Ausscheidung von Stoffwechselprodukten, Schadstoffen und überschüssiger Flüssigkeit, indem sie das Lymphsystem mittels präzisen Drucks stimulieren.
Eine besonders anerkannte Technik in diesem Bereich ist die Triggerpunktmassage. Diese Methode konzentriert sich auf sogenannte Triggerpunkte. Dies sind spezifische, oft schmerzhafte und verhärtete Knotenpunkte innerhalb der Muskulatur und Faszien, die häufig mit Bewegungseinschränkungen einhergehen. Durch die Anwendung von konstantem und tiefem Druck auf diese Triggerpunkte wird eine gezielte Entspannung der betroffenen Muskelfasern und Faszien erzielt.
Stressreduktion
In stressigen Phasen schüttet der Körper vermehrt Stresshormone aus, die dafür sorgen, dass Muskeln und Faszien unbewusst unter Dauerspannung stehen. Das Gewebe wird schlechter durchblutet, verliert an Elastizität und kann verhärten oder verkleben – häufig ohne, dass wir es sofort bemerken.
Um diesen Spannungs-Kreislauf zu durchbrechen, sind gezielte Entspannungstechniken essenziell. Methoden wie Faszien-Yoga, Mobility-Training oder bewusste Atemübungen wirken beruhigend auf das Nervensystem und ermöglichen so dem Fasziengewebe, sich wieder zu entspannen. Regelmäßige Entspannungsphasen sind daher ein fundamentaler Bestandteil der Faszienpflege. Denn sie fördern nicht nur die Regeneration des Bindegewebes, sondern tragen auch maßgeblich zum allgemeinen körperlichen und mentalen Wohlbefinden bei.
Fazit: Gesunde Faszien als Schlüssel zu Beweglichkeit und Wohlbefinden
Gesunde Faszien spielen eine wichtige Rolle für ein schmerzfreies, bewegliches und leistungsfähiges Leben. Unabhängig davon, ob es sich um oberflächliche, tiefe oder viszerale Faszien handelt, ist ihre optimale Funktionsleistung unmittelbar von ihrer Beschaffenheit abhängig: Nur geschmeidiges, gut hydriertes und frei gleitfähiges Fasziengewebe ermöglicht dem Körper, optimal und ohne Beschwerden zu funktionieren.
Allerdings kann unser moderner Lebensstil, welcher oft durch zu wenig Bewegung, einseitige Belastung und Dauerstress gekennzeichnet ist, das empfindliche Gleichgewicht der Faszien aus dem Takt bringen. Dies führt nicht selten zu Verklebungen und schmerzhaften Verspannungen.
Doch wir können die Regeneration unserer Faszien aktiv fördern und positiv beeinflussen. Durch die regelmäßige Einbindung von Faszientraining und gezielten Selbstmassagen, kombiniert mit einem bewussten Stressmanagement, lässt sich die Elastizität des Gewebes spürbar verbessern und somit das allgemeine Körpergefühl nachhaltig steigern.
Quellen
Robert Schleip, Thomas W. Findley, Leon Chaitow, Peter A. Huijing (Hrsg.): Lehrbuch Faszien. Grundlagen, Forschung, Behandlung. Urban & Fischer Verlag / Elsevier, München 2014, ISBN 978-3-437-55306-6.
Carla Stecco: Atlas des menschlichen Fasziensystems. Urban & Fischer Verlag / Elsevier, 2016, ISBN 978-3-437-55905-1.